Kurzgeschichten


An einem dieser Tage





nach Motiven von "Der Gevatter Tod" (Brüder Grimm)


Cristián Lehmann Carrasco


Erschienen bei BWV; Die Junge Akademie, Preisfrage: Welche Sprache spricht Europa?; 2005; ISBN 3 - 8305 - 1025 - x

www.diejungeakademie.de/preisfrage/index

© 2005 Cristián Lehmann Carrasco Alle Rechte vorbehalten







An einem dieser Tage


"Ich glaube nicht"
sagte sie trocken
mit einem leichten Anflug
verborgener Traurigkeit
"daß du
nicht immer wieder
mit einer anderen
ins Bett gehen würdest"
Mir blieb nichts
als zu schweigen
Sie sah mich an
ihre Augen drängten
stand auf und ging
Aus meinen Augen
schossen Tränen
Mein Körper
wurde zerrüttet von Krämpfen
während hinter ihr
die Tür zufiel
Der Kellner fragte besorgt
was er für mich tun könnte
Fürsorglich
insistierend bat er
ich solle nach Hause gehen
Nach Hause
In unser Zuhause
Dahin konnte ich nicht
zurück
Verlangte die Rechnung
Nahm mir ein Taxi
zum Hauptbahnhof
Ich mußte weg
Dorthin wo mich
Spaziergänge
nicht an den Rand
der Wiederholung
zurückerinnern konnten
Ein Nachtzug stand bereit
Frankfurt Leipzig Berlin
Zoologischer Garten
Ich stieg betrunken aus
Morgentau
Sonne
Schweben
über dem Tiergarten
Ein kalter Frühlingstag
der meine Empfindung auffing
mit seiner Durchdringungsdringlichkeit
Ich legte mich auf eine Parkbank
und schlief endlich ein




Der Alte


Wieviel Zeit verging
kann ich nicht sagen
Ich erwachte
als ein uralter Mann
jämmerlich weinend
verzweifelt schluchzend
vor mir kniete
Sein Kopf lag
auf meinem Bauch
Seine Hände griffen
nach meiner Brust
Er war mindestens
achtzig Jahre alt
vielleicht bald hundert
und er war sturztrunken
Weinte herzzerreißend
Stieß lallend
wutentbrannte Laute
der Trauer von sich
Ich ließ ihn in Ruhe gewähren
Eine Zeitlang
Dann wiederholte er
in unregelmäßigen Abständen
"Ihn geholt"
"Ihn geholt"
"Ihn geholt"
"Ihn geholt Wer Was"
fragte ich nach einer Weile
"Meinen Sohn
Verstehst du"
"Nein ich verstehe gar nichts
Hör zu Geh nach Hause
Schlaf dich aus
Du bist betrunken"
"Zahlst du mir ein Taxi"
"Wieviel brauchst du"
"Nach Budapest
ist nach Hause"
Witzig war er auch noch
"Außerdem bist du
mindestens so besoffen"
lachte der Alte
und beruhigte sich ein wenig
"Hast du Wodka"
"Nein ich wachse über mich hinaus"
"Entschuldigung"
"Setz dich" sagte ich
und richtete mich auf
Er nahm neben mir Platz
und wie ich ihn
schluchzen hörte
fing ich auch an
Da saßen wir beide und weinten
Eine Zeitlang
"Ich kann jeden Menschen
in Grund und Boden reden
und dann das hier"
hörte ich mich sagen
"Es gibt Menschen
die Dinge bewegen
Und es gibt Aasgeier
die deren Leichen auffressen"
weissagte der Alte
vielleicht um mich aufzuheitern
vielleicht um mich zu tadeln
"Du kommst aus Budapest"
"Wer soll das wissen
Habe ich das gesagt
Ich bin zu alt
Habe es vergessen"
Wieder weinte er herzzerreißend
Wieder steckte er mich an
Eine Zeitlang
Dann schwiegen wir
Nebeneinander
Sehr lange
"Hast du Whisky"
"Komm laß uns trinken gehen"
sagte ich und stand auf
"Ich Zu schwer zum gehen"
"Wir nehmen uns ein Taxi"
Ich reichte ihm meinen Arm
auf den er sich stützte
und wir torkelten über die Wiesen
Richtung 17 Juni
"Wer hat deinen Sohn geholt"
"Der Tod
Er hat ihn verpfiffen"
An wen kann der Tod
jemanden den er abholen will
schon noch verpfeifen
wollte mir nicht aus dem Sinn
Während wir uns Schritt auf Schritt
Langsam der Straße näherten
"Und du Warum weinst du"
unterbrach der Alte mein Grübeln
"Wegen meiner Frau
Ich habe sie verlassen"
"Ein Mann verläßt nie
die Frau die zu ihm gehört"
"Sie gehört mir nicht"
"Natürlich nicht du Trottel
Du verstehst ganz genau"
"Von Mann zu Mann"
"Jetzt siehst du klar"
"Ich glaube nicht an den Mann"
Der Alte brach
in schallendes Gelächter aus
"Du bist ein Mann"




Der Keller


Wir stiegen in ein Taxi
und fuhren Richtung
Veteranenstraße
zur Weinerei
Ich ließ zwei Euro Münzen
in den Brunnen fallen
Wir bekamen Gläser
Mit einer Flasche
in der Hand
suchten wir uns
einen ruhigen Platz im Keller
Chaplins Parodie
Der große Diktator
wurde stumm auf eine Wand projiziert
Der jüdische Friseur
leicht in Trance
war dabei einen Klienten
die Bartstoppeln abzutanzen
In mir erklang
der ungarische Tanz
zu dem dieser langsame
»You're a lucky motherfucker«
Song aus den Boxen
rhythmisch keinen
Tritt zu fassen verstand
"Was ist deinem Sohn passiert"
fragte ich den Alten
"Hörst du die Musik
Der Jude packt sich Wagner ein
die deutsche Irrationale
um die witzigste Rasur
der Geschichte zu zelebrieren"
"Das Stück ist von Brahms"
korrigierte ich den Alten
"Also gut keine Irrationale"
Er machte eine ausgedehnte Pause
ließ mich warten
"Zeitlich und räumlich
bin ich ein Grenzfall
Ich komme von sehr weit her
Aus den tiefsten Wäldern Europas
die heute längst nicht mehr stehen
Damals als ich jung war
hatte ich eine sehr schöne Frau
Mit Sicherheit hat ein Mann
wie du so daherkommst
nie solch eine Frau gesehen
Wir hatten acht Kinder
Jetzt sind alle tot
Frau und Kinder
Als mein jüngster Sohn
der jetzt gestorben ist
geboren wurde machte ich
mich auf die Suche
nach einen Paten
Ich ging tiefer in den Wald
als jemals zuvor
Zu sehen wen ich traf"




Himmel


"Mir ist Gott erschienen
Aber ich war unzufrieden
mit einer solchen Vorstellung
Gott als Pate meines Sohnes
Im Grunde hatte ich
von Gott die Schnauze voll
Er war mir unsympathisch
Achtzehn lange Jahrhunderte
hatte die Menschheit
darauf gewartet daß Gott
sich endlich zeige
Er jedoch segnete immer
nur eine Handvoll
Das höchste Wesen
der Ursprung aller Dinge
das Zugleich von Werden und Geworden
war bei Wenigen leutselig
und dem großen Rest knauserig
Das hatte was Geiziges
Ich bin froh daß
die Französische Revolution
dich weggefegt hat
sagte ich zu Gott
Die Menschen hatten schon
lange genug geopfert
lange genug gefleht
lange genug Anderem vertraut
Gott sprach zu mir
»Ich sage hinfort nicht
daß ihr Knechte seid
denn ein Knecht weiß nicht
was sein Herr tut«
Das sei mir egal
antwortete ich ihm
Er solle nach Hause gehen
wo immer das sei
und sich nicht mehr
in die Angelegenheiten
der Menschen einmischen"
Der Alte war richtig
in Fahrt gekommen
Ich war zwar etwas befremdet
über seine Gottes Erscheinung
aber schließlich besuchte
mein verstorbener Großvater
seit Jahren regelmäßig
meine neunzigjährige Großmutter
und niemand hatte jemals
großes Aufsehen darum gemacht
Irgendwann konnte ich
doch nicht an mich halten
und fragte ihn danach
wie Gott ausgesehen habe
"Das nun ist wirklich
eine dumme Frage
Du bist doch ein Großmaul
Gott sieht nicht aus
Das mußt du doch wissen"
Hinkel war gerade dabei
seinem besten Kameraden
der Name wollte mir nicht einfallen
außer sich vor Wut
die Ehrenauszeichnungen
von der Brust zu reißen
Der Alte und ich
in einem Spontaneitätsausfall
imitieren Hinkels stochernde
Stakkato Sprachtöne
die uns sofort gegenwärtig waren
Das zog sich hin
und der Keller der Weinerei
fand das Lachen




Hölle


"Der Nächste der mir zufiel
wie sollte es anders sein
war der Teufel
Aber Europa lag in Trümmern
Ein Trümmerwerk
am Trümmerbett
Der Herrscher dieser Welt
dieser listiger Betrüger
dieser eloquente Blender
hatte sie geschafft
sie hinters Licht geführt
sie fertig gemacht
die Französische Revolution
Als das Paradies
auf die Füße gestellt wurde
sah der Teufel seine Zeit kommen
Er gaukelte den Menschen vor
die Macht sei mit ihnen
läge durch die Revolution
allein in ihren Händen
Zur Unterwerfung der Welt
sei jedes Mittel recht
Der Mensch könne
Gott gleich
allmächtig werden
Er erschuf eine Armee
der Pioniere des Reichtums
gab ihnen fast unbegrenzte Mittel
und mehr Macht als alle Menschheit
in ihrer ganzen Geschichte
zusammengenommen
jemals besessen hat
Die Menschen sind durchgedreht
Die Pferde sind ihnen durchgegangen
Des Teufels Armee
war zu Taten bereit
die selbst das blutrünstige
Buch aller Bücher
niemals hat ausmalen können"
"Ich verstehe kein Wort mehr"
unterbrach ich mit Entschiedenheit
seine gesteigerte Redewut
Der Alte war aufgebracht
Ein Besessener
Doch seine Klarheit
seine Haltung sein Ausdruck
vermittelten das Gegenteil
Ohne meinen Einwand
bemerken zu wollen
redete er weiter
"Sie sollte uns Freiheit bringen
aber es kam eine nie dagewesene
Schlachterei von Menschen
Guillotine war kein Mißverständnis
Guillotine war Programm"
Der Alte holte Luft und schwieg
Dieser Komödiant
wurde mir widerspenstig
Er hatte ins falsche Ziel getroffen
oder war arg über das Ziel
hinaus geschossen
Ich mußte intervenieren
"Revolutionen waren immer blutig
Welche Revolution auch immer
Zuerst werden die Gegner eliminiert
Dann wird in den eigenen Reihen
Ordnung geschaffen
Klartext Die sich durchsetzen
suchen nach sogenannten Verrätern
und liquidieren sie
Dann kann das Blutvergießen
nachlassen oder ganz versiegen"
"Danke für den Exkurs"
Er kehrte seinen Blick nach innen
erschien völlig unvermittelt
ganz abwesend
weggetreten
Ich mußte nachsetzen
mich in seine Gedankenwelt eingraben
Er sollte mir nicht wegdriften
"Es gibt keine Revolutionen
die friedlich verlaufen
Und erst recht nicht wenn es sich
um große Umwälzungen handelt
Konterrevolutionen hingegen sind
stets blutrünstiger und barbarischer"
Diesmal stimmte er mir zu
aus der Tiefe seiner Gewandtheit
Doch dieser alte Mann
konnte das letzte Wort
nicht jemand anderem überlassen
"Blutige Revolutionen
sagen nichts darüber aus
welche Gestalt sie gebären werden
wenn erstmal das Blut
verronnen ist
D´accord
Ich aber sprach vom Teufel
der sich ganz unscheinbar
unter die Menschen mischen konnte
um nach und nach
von ihnen Besitz zu ergreifen
und dies nicht weil
eine blutige Revolution
aus den Leuten
Ungeheuer gemacht hätte
sondern weil die Guillotine
eine menschliche Erfindung
für das menschliche Sterben
weil eben diese Guillotine
ein Geschenk des Teufels war
um sich über ganz Europa auszubreiten
Ich gab dem Teufel
jedenfalls einen Laufpaß
Mehr habe ich dir
dazu nicht zu sagen"




Der große Diktator


Große Ratsversammlung
Ansprache des Kommandanten Schulz
Die armen Schulze dieser Welt
Für immer Schuuuullzzzz
Puddingtörtchen werden gereicht
von den Damen des Hauses
Die Herren der Schöpfung
machen sich ans Werk
Der eine Münze im Törtchen fand
ward der Auserwählte
bei einem Anschlag
sich und den Pfuirer
in die Luft zu jagen
Den Frauen war das klar
Sie steckten in jedes Törtchen
eine Münze welche die Männer
kaum entdeckt beim Friseurtörtchen
heimlich abzuladen verstanden
Dieser seinerseits
schluckte entsetzt
eine Münze nach der anderen
um dem Heldentod zu entgehen
Bald darauf bekam er Schluckauf
Die Münzen klimperten
im jüdischen Sparschwein
Doch ein Aufrechter
unter den Judasbrüdern
ward gefunden dem Tod
ins Angesicht zu sehen
Das jüdische Sparschwein
spuckte erleichtert seinen Inhalt aus
Große Konfusion
Wer war denn nun in Wirklichkeit
der Auserwählte
Endlich eilten die Frauen
zu aller Rettung herbei
und klärten das eitle Heldenepos auf
Die Weinflasche war leer
Ich ging uns eine neue besorgen
Der Alte erschien
gleich einer mumifizierten Leiche
Seine verwelkende Haut
lag auf den Knochen
Die Backen schienen
in der Mundhöhle
zusammenzuwachsen
So eingefallen der Zustand
seines Körpers auch war
der Alte war auf Zack
Seine Augen verkrochen sich
in das Innere der Höhlen
aus denen beißend scharfe
Beobachtungsgabe hervorbrach
Er war ein kleiner
sympathischer Mann
von dem ich nicht vorhatte
in Erfahrung zu bringen
aus welchen Maschinengewehren
er in seiner Vergangenheit
abgefeuert hatte
Er machte den Eindruck
einer undurchsichtigen Figur
Mit einer vollen Flasche
kehrte ich zurück
Der Alte war wieder bei guter Laune
Ich setzte mich und schenkte nach




Die Frau


"Wie hast du sie kennengelernt
deine verlassene Frau"
Die Frage kam unerwartet
wie die Bilder die sich unmittelbar
in mir ausbreiteten
"Ich sah sie in der U-Bahn
Ein paar Sitzreihen weiter
Ich war eben eingestiegen
als ich bemerkte daß mich
jemand beobachtete
Ihre Augen lächelten mir zu
Ich lächelte ihren zu
Weiter geschah nichts
Irgendein unumstößlicher
Drang in mir richtete es so ein
daß ich jeden Morgen
dieselbe U-Bahn nahm
Sie verstand mein Vorhaben
Morgen für Morgen
fuhren wir zusammen in der Bahn
taten weiter nichts
als uns anzusehen
Ununterbrochen
Manchmal lächelten wir
Ganz selten
Eines Tages hetzte ich in die Bahn
und setzte mich ihr gegenüber
Nähe touchieren
Atem hören Haut riechen
Ich nahm ihre Hände
Das geschah von selbst
Hals über Kopf
umarmten wir uns
Nicht sehr lange
aber zerberstend innig
Dann ging alles schnell
Sie ein Ausgang
Ich andere Richtung
Am Treppenaufgang
Plötzlich höre ich sie
nach mir rufen
Ihre Stimme durchbrach
unseren Stummfilm
Wir näherten uns
unserer Wirklichkeit
Fielen uns in die Arme
Weiter geschah nichts
am Tag an dem ihre Stimme
uns einen Schnitt verpasste
Ich raste die Treppen hoch
Eine riesige Kreuzung
und ich suchte nach ihr
Ihren Anblick zum Abschied
Das Auseinandergehen
hatte mich geschmissen
Das war Schmerz
Einer der unerwartet kommt
weil er unentdecktes Land ist
Am nächsten Tag
saß sie nicht mehr in der Bahn
und am drauf folgendem
blieb ich im Bett liegen
Aber nach einigen Nächten
wurde ich rasend
Mußte raus
In den Winter
Etwas abkühlen
Hoffnung nähren
Sie tauchte nicht mehr auf
Ich wartete
Wann immer ich Zeit fand
Nächte und Tage verliefen sich
Sie hatte etwas verschluckt
Zum Frühlingsanfang
bekam ich einen Brief
Bin in Paris
Denke an dich
Ich packte sofort
und fuhr los
Sie wohnte schäbig
Kaltes Zimmer
Klo im Treppenhaus
Aber mit Badewanne
Warmwasser
und Blick über die Dächer der Stadt"
"Wo hast du diese Schnulze gelesen"
lachte der Alte
Ich zuckte mit den Achseln
"Hab es vergessen"
"Trinken wir auf deine Frau"
Wir stießen an
"Eins minus Eins macht Zwei
Also warum das Ganze"
"Ich habe sie betrogen
Würde sie wieder betrügen
Wieder
Betrügen
Betrogene Betrügen
Betrügen Betrogene
Aber ich liebe sie
Muß sie gehen lassen"
"Du bist ein Arschloch
Verstehst nichts von Liebe"
Der Alte war sichtlich verärgert
stand schwerfällig auf
und verabschiedete
sich zur Toilette




Der große Diktator


Chaplins unvergessliche Rede
fiel vom Himmel
Jahre war es her
aber ich hatte sie im Ohr
Die unerträgliche Hoffnung
Die unschlagbare Offenheit
Die unwiderlegbare Naivität
Es war die Falsche
im richtigen Leben
Sie versetzte mich
in Weißglut Zustände
ob ihrer Menschlichkeit
die doch ebenso denen
zukommen mußte
die ihre Intelligenz
zur Vernichtung von
Menschenmaterial entfalteten
Ich hatte die Vernichtung kennengelernt
im richtige Leben
Keine Vergebung
keine Verzeihung
keine Gnade
um diese Intelligenz
der Menschenbeseitigung
der Abfallbeseitigung
überhaupt nur zu dulden
Wieviel Schöpferkraft hätte
im richtigen Leben
für die Vergebung
für die Verzeihung
für die Gnade
aufgebracht werden müssen
Später erlegt die Zeit
die Leichenberge
Verwesungsgestank
der den Imperativ
zu verbannen sucht
den uns der Faschismus
auferlegt hatte
Hoffnung der mit ihm
kompromittierten
Rechtsnachfolgemenschheit
im Mutterkontinent der Freiheit
Europa
hatte sie herausgeschält
aus dem Himmel der Mythen
und sie uns Menschen
für die alltägliche
Verdauung bereitgestellt
Die Freiheit
Und wie gern ließen wir
überall einen Haufen liegen
Koordinatensystem der Analmalerei
Es war falsch meine Wut meinen Zorn
an Chaplin auszulassen
Wenn es eine Rede
des letzten Jahrhunderts gab
für die zu streiten
alles aufs Schlachtfeld
zu führen wäre
dann für diese die
so schwer fällt als Waffe zu ziehen
so schwer fällt zu verstehen
und doch alle täglich
in den Mund nehmen
Die Verteidigungsrede
auf die Freiheit
Eine Endlosschleife
Der große Diktator
begann von Neuem
Der jüdische Friseur
kämpfte im Schützengraben
und auf der großen Berta
für seine späteren Peiniger
Die Endlosschleife
Der Alte schwankte zurück zum Tisch
"Was geht dich das
überhaupt etwas an
was ich wann wo wie warum
und weswegen falsch mache
Es gab keinen anderen Weg"
Der Alte hatte mich verärgert
"Wenn du fliegst mein Sohn
komm bloß nicht wieder
runter auf die Erde
Fliege immer weiter
Du kannst den Überblick
nur von oben behalten
Hier unten gehst du unter"
"Erzähl mir lieber von deinem Sohn"




Der Tod


"Ich fand den Tod
Eigentlich hat er mich gefunden
Der der alles gleich macht
stellte er sich vor
Das war eine klare Sprache
Keine falschen Versprechungen
Keine mörderischen Betrügereien
Läßt sich nicht in die Karten sehen
Kommt so oder so
Schlicht Nackte Tatsache
So dachte ich und fand
Das ist der richtige Pate
für meinen Sohn
Als der erwachsen wurde
machte der Tod sein Versprechen wahr
Er nahm meinen Sohn mit
um ihn auszubilden
Sie hatten Freundschaft geschlossen
Er bekam eine großartige Unterweisung
in die Geheimnisse des Lebens
Denn der Tod ist
für sich genommen ein Spaßvogel
aus Knochen und Sense
Ein furchteinflößendes Wort
aus dem Leben gegriffen
Mein Sohn schrieb mir
immer wieder Briefe
die von ihren Wanderungen
durch Europa erzählten"
Er holte einen Bündel Briefe
aus einer Jackentasche hervor
wirbelte damit durch die Luft
und steckte sie wieder ein
"Die wichtigsten Briefe
trage ich stets bei mir"
Mir war es schwer begreiflich
daß der Alte seinen Sohn
dem Tod anvertraut hatte
Das erschien mir absurd
"Als mein Sohn geboren wurde
wie gesagt lag Europa in Trümmern
Auf dem Kontinent verteilt
die millionenfache Leichensaat
Diese Saat sollte aufgehen
in einer neuen Welt
Die Schuld aufgehoben
in einer besseren Welt
Zuflucht finden
Gleichheit der Menschen
das Prinzip der Zukunftsgenerationen
Das wollte ich ihm mitgeben
Einen großen Anfang
Die große Sprache
Die ausgreifende Idee
Eine Todesradikalität
Herrschaft abschütteln
bis das uns der Tod scheidet
Deswegen vertraute ich ihm
meinen Sohn an
Ich wäre stolz auf ihn gewesen
Aber die Menschen
scheinen nicht fähig
große Gedanken zu verwirklichen
Sie können nur denken
Nur vorstellen"
Dieser Mann hatte schon
zuviel kommen und gehen sehen
Seine Unberührbarkeit
war allein durch den Tod
seines Sohnes eingeholt worden
Eine ehrliche Haut
Solch eine die dir stets
den ersten Schuß läßt
dann aber nie verfehlt
"Die Menschen sind listige Leute"
fuhr der Alte fort
"Setzt man ihnen Schranken
finden sie Wege und Mittel
diese zu umgehen
Erahnen sie Freiheit
finden sie Mittel und Wege
diese loszuwerden
Was immer du ihnen vorsetzt
sie finden Mittel und Wege
ihre List oder ihre Macht zu beweisen
Diese Menschen tanzen
heute noch dem Tod
auf der Nase herum"
Er sprach als zitiere er
seinen Freund
Als habe sich der Tod
in langen Diskussionen
bei ihm ausgeheult
Darüber geklagt
ein verkanntes Genie zu sein
"Weil der Tod unabwendbar ist
glaubt der Mensch er hätte
nichts zu verlieren
nichts zu gewinnen
als das Leben
Also gält es die kurze Zeit
richtig einen draufzumachen
Mehr sei eben
nicht zu holen
unter den gegebenen Umständen
Das ist Knechtssprache
Die Welt ist und bleibt
auf ewig ungerecht
quasi ein Naturgesetz
wie das dümmliche Recht
des Stärkeren seiner Macht
ohnmächtig ausgeliefert"
Der Alte war besoffen
Sein Gerede brachte mich auf
Ich wollte angreifen
"Der Sensenmann ist nicht
Kein solches Wesen in Sicht
Weit und breit
Alles Wasser
Soweit das Fernrohr reicht
Der Tod ist sinnlos
Die radikalste Partitur
von Sinnlosigkeit
Jede Wendung dem Tod
eine Bedeutung beizugeben
ist überflüssiges Geschrei
Er bedeutet weiter nichts
als das er uns das Leben nimmt"
"Damit setzt du den Deckel
auf seinen Topf
Tod ist Tod"
"Sophisticated"
"Niemand hat vor
den Schädel des anderen
zu zertrümmern
Oder wollen wir uns
gegenseitig erschlagen
Da bin ich im Vorteil
Ich habe nichts zu verlieren"
Der Alte schien erschöpft
Er lehnte sich zurück
und betrachtete aufmerksam
die Frauengesichter
in unserer Umgebung
Ohne jede Lüsternheit
Aber er mochte Frauen
"In einem Punkt
denken wir ähnlich"
setzte der Alte wieder an
"Niemand braucht Ideologie
So frage dich selbst
Was hat der Tod
mit Sinnlosigkeit
zu verhandeln
wenn Sinnlosigkeit des Todes
Sinnvollkommenheit wird
Oder ist Sinnlosigkeit
selbst Sinnlosigkeit
Aber Sinnlosigkeit
von Sinnlosigkeit
ergibt doch einen Sinn
Wie du es auch drehst und wendest
bekommt der Tod Sinn
wenn du nicht siehst
was du sagst
wenn du sagst
der Tod ist sinnlos"
"Very sophisticated"
"Ich suche keinen geschwätzigen Trost"
stellte der Alte
aufreizend enttäuscht fest
"Das sieht aber so aus"
Ich saß aufgerichtet
schon am Rand der Sitzfläche
Atmung wie Gedanken völlig zerfahren
Selbst der Rotwein machte mich nervös
Ich hatte plötzlich das Gefühl
vollkommen überfordert zu sein
Mußte mir Luft verschaffen
"Ich sage dir
Was uns den Tod
so unerträglich macht
die Unsterblichkeit"
"Wir entfernen uns vom Ausgangspunkt"
unterbrach mich der Alte
Ich fuhr nahtlos fort
"ist selbst vergänglich
Dieser Planet wird sterben
weil unsere Sonne
weil unsere Galaxie
weil unser Universum
irgendwann sterben wird
Jede Unsterblichkeit
wird zugrunde gehen
Die gesamte menschliche Kultur
All die großen Erfindungen
die großen Errungenschaften
werden untergehen
Selbst wenn wir an den Grenzen
des Universums ankommen sollten
Nichts wird bleiben
Alles stirbt
Du Ich
die unsterbliche Seele"
Der Alte betrachtete mich spöttisch
aus seinen verkniffenen Augen
"Du sagst es
Alles ist vergänglich
Aber die Unsterblichkeit
macht sich lustig über dich
Nun das ist noch sehr lange hin
bis dieses Universum implodiert
und die große Leere hinter sich lä ßt"
"Hinterlä ßt meinst du" sagte ich
"Voraussichtlich Billionen Jahre
Angenommen der Mensch ist für derart
lange Strecken nicht gebaut
Wieviel Vergangenheit verträgt er"
"Du verstehst mich nicht alter Mann"
sagte ich eindringlich
"Ich erkenne den Tod nicht an
Jedenfalls nicht als Prinzip
Auch nicht als Prinzip der Gleichheit
Wenn wir nur durch den Tod
gleich sind sind wir nicht gleich
Ich komme zum Punkt
Da alles Jenseits
ein großes leeres Nichts
eine bloße Vorstellung ist
können unsere Handlungen
auf das Dasein hin
ausgerichtet werden
Wir brauchen nicht mehr fragen
Was sagt Gott dazu
Was sagt die Revolution dazu
Was sagt die Utopie dazu
Wir haben es in der Hand
Wir müssen uns fragen
was wir daraus machen
Niemand anderes
gibt uns Gleichheit
Endlich sind wir frei
Frei im Hier und Jetzt
Das ganze Leben
Das ganze Glück
Wir müssen es uns nur pflücken
Was sagst du dazu alter Mann"
Er leerte sein Glas in einem Zug
lächelte einer etwa achtzig Jahre
jüngeren Frau am Nebentisch zu
Sie lächelte zurück
Ließ etwas Zeit verstreichen
Eine unerträgliche Bedeutungspause
Schlußoffensive
Jetzt würde er mir den Hahn zudrehen
mir mein kleines Licht ausblasen
mich an die Wand nageln
ans Kreuz schlagen
"Mein Sohn ich bin betrunken
Ich muß mich übergeben"
Er wollte zur Toilette aufbrechen
konnte aber nicht mehr aufstehen
War nicht mehr in der Lage zu stehen
Es dauerte eine Weile
bis er sich dessen klar wurde
"Gut bevor ich kotzen gehe folgendes
Du sagst Das ganze Leben
steht uns offen wenn wir uns
von dem abwenden
was uns den Blick
auf das Dasein versperrt
und meinst letztendlich
das halbe Leben
Der sinnlose Tod
ist keine Frage von
zeitgemäßem Leben
Der Tod gehört schlicht zum Leben
Wir sterben unentwegt
Also muß es sich mit ihm abgeben
Unsere Zeit ist die Zeit
der Technokraten
der Funktionäre
der Naturwissenschaftler
der Koordinatensysteme
der Diskurse
der Darwinisten
der Positivisten
oder wie sie alle
sonst noch heißen mögen
Der Tod ist der einzige Fehler
der nicht wird behoben
viel schlimmer nicht einmal
wird erforscht werden können
Das Mysterium für jeden Einzelnen
Tritt der Tod ein ist uns
die Fehlerhaftigkeit kein Trost
Auch sonst ist unsere Zeit ausgefegt
von Ritualen von Bekenntnissen
die uns Trost zu verschaffen
imstande wären
Dennoch ist es uns nicht gleich
ob jemand durch Gas
oder eines natürlichen Todes
oder durch einen Unfall
ums Leben kommt
Alle wissen darum
Alle blenden sich weg
Es bedarf einer Projektion
auf das Jenseits
der Erinnerungen
ohne die das Leben
keine Ganzes wird"
"Ist es nicht so daß du
dich wegblendest alter Mann
Dieses Gerede
der Tod mache uns alle gleich
gibt niemandem Trost
Als ob durch den Tod
doch noch Gerechtigkeit
in die Welt käme
Durch den Tod
kommt nur der Tod
Keine Gerechtigkeit
keine Gleichheit
Basta"
"Nein mein Sohn
ich blende mich nicht weg
Ich stelle mich auf den Grund
der Gleichheit
der nicht nur von guten
Absichtserklärungen
netter Menschen
getragen wird
sondern zwingend ist"
"Das ist der Pessimismus
derer die Trost brauchen"
fauchte ich den Alten an
"Aus dir spricht der Optimismus
eines Grünschnabels
der nicht mit beiden Beinen
im Leben steht
der seinen Mann nicht steht
Ich gehe jetzt kotzen"
drohte der Alte
und wollte sich wieder einmal
zur Toilette verabschieden
Aber erneut war es ihm
nicht möglich aufzustehen




Der Sohn


"Warum hat der Tod deinen Sohn
ins Reich der Erinnerungen geholt"
versuchte ich uns einen Weg
aus dem Labyrinth zu verschaffen
"Du hast Zartgefühl mein Sohn"
Er zwinkerte dem achtzig Jahre
jüngeren Mädchen zu
und sprach sie direkt an
"Irgendwann schrieb dieser Schnösel
mir keine Briefe mehr
Etwas war mit ihm vorgegangen
Ich ahnte aber sofort
was sich abspielte
in seinem Köpfchen
Wird einer mächtig
denkt er sich unverwundbar
Dann wollte er es wissen
Kann ich meinen Meister
der mich mächtig gemacht hat
nicht doch ausspielen
In seinem allerletzten Brief
beschrieb er mir
mit den stolzesten Ausschmückungen
daß er bei einer Gelegenheit
seinen Meister am Kragen hatte
Er sah sich ihm entwachsen
und dieser hat ihn verbannt"
"Machen sie sich keine Sorgen"
beruhigte ihn das Mädchen
"Das ist ein ehrliches Arschloch
Ihr Sohn wird seine Macht
nicht mißbrauchen"
"Ja aber jetzt Klartext
Was hat er gemacht"
insistierte ich sehr gereizt
da mich der Alte
bloßzustellen versuchte
"Nun das ist doch ganz einfach"
wandte er sich wieder mir zu
"Er glaubte die Gleichheit
könne ihm nichts anhaben
Für ihn würden ganz andere
Gesetze gelten
Mehrfach ging er
bis an die äußersten Grenzen
und riskierte sein Leben
Der Tod ließ ihn
glimpflich davonkommen
Ein paar Knochenbrüche
Zuletzt die Ermahnung er solle
ihn nicht wieder versuchen
Dann bekam er ein Messer
zwischen die Rippen geschoben
Ihm ging die Luft aus
Er war sofort weg
Er hat förmlich
um seinen Tod gebettelt"
Auch mir war die Luft ausgegangen
Lange saßen wir nebeneinander
und erstarrten
vor uns hin




Die Frau


"Reden wir nicht
mehr darüber mein Sohn
Woher kommt deine Frau"
Das war nun die schlechteste
aller möglichen Fragen
die der Alte hatte stellen können
Die Wanderungsroute
ihrer und meiner Familie
der letzten sechzig Jahre
erstreckte sich über
den halben Globus
Berlin Budapest
die Ausgangspunkte
Flucht vor dem faschistischen Europa
Wien London
Jerusalem Casablanca
Eingeheiratet in
Buenos Aires New York
Rückkehr nach Europa
Zürich London
Hamburg Frankfurt
Dort lernten wir uns kennen
Europäische Mischmenschen
wie sie mal genannt wurden
Ich hatte es bis zum Überdruß satt
die Antwort auf diese Frage
erklären zu müssen
der dann immer dieselben
Fragen folgten
auf deren Antwort dann wieder
dieselben Fragen folgten
und so fort bis ins ermüdende
auf der Stelle treten
Was sollte ich diesem
sympathischen besoffenen
unerträglichen Mann antworten
Aber er kam mir zuvor
"Siehst du mein Sohn
wahrscheinlich bin ich ihr Großvater
oder irgendwie mit ihr verwandt
Aber vergessen wir das
Ich will es gar nicht wissen
Ich bin müde
Wir müssen gehen"
"Um die Ecke ist ein Hotel"
Ich fühlte mich ihm
eine Antwort schuldig
merkte aber sogleich
dass dies überflüssig war
Der Alte war kaum noch ansprechbar
Es war Zeit aufzubrechen
"Da bringe ich uns jetzt hin"
Er konnte nicht mehr
Ich mußte ihn eher tragen
als nur stützen
"Bis bald" sagte das Mädchen
und lächelte mir zu
Ich überhörte es
Wir durchquerten
sturztrunken und torkelnd
den Weinbergspark
Der alte Mann hielt an
"Ich bin fertig
Muß mich setzen"
Ich suchte eine Parkbank
Dort saßen wir und leerten
eine letzte Weinflasche
Ich hatte sie eigentlich als Absacker
mit ans Bett nehmen wollen
"Mein Sohn ich bin so froh
daß ich dich noch einmalv getroffen habe
Du kannst wirklich quatschen
Ich bin stolz auf dich
Aber vergiß nicht
daß wir das ganze Leben durch
immerfort sterben
Nur so wird Gleichheit
unter den Menschen
Von diesem Ort aus
mußt du das ganze
Leben betrachten
Mein Begräbnis
Deine verlassene Frau
Diesen herrlichen Tag
Diese besoffene Nacht
Und Morgen kannst du
wieder streiten
für was immer du willst
Das ist furchtbar banal ich weiß
Aber die Versöhnung
unter den Menschen
geht heutzutage nur
durch die Maske des Todes
Ich bin wirklich glücklich
dich ein letztes Mal
getroffen zu haben"
Der alte Mann
schloss seine Augen
und starb
in meinen Armen
Ich richtete uns beide auf
und weinte hemmungslos
Das goldene Zeitalter
daß früher Alles besser war
als noch Tod Teufel Gott
die Menschen an der Nase herumführten
und von den Menschen
an der Nase herumgeführt wurden
war Vergangenheit geworden
der Erinnerung gewichen
daß die Freiheit
noch bevorstünde
und stets gegenwärtig ist
als Drohung
und Versprechen



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